Ankommen ist kein Sprint, sondern ein Marathon

Stefanie: Wie heißt du und wie alt bist du?

Gerardo: Ich heiße Gerardo, bin 26 Jahre alt und mit 25 Jahren nach Österreich gekommen.

Stefanie: Woher kommst du ursprünglich?

Gerardo: Ich komme aus Venezuela, habe aber die Hälfte meines Lebens in Spanien, La Coruña, verbracht.

Stefanie: Wie lange lebst du schon in Österreich?

Gerardo: Im September [Anm.: 2025] werden es zwei Jahre. Ich bin am 29. August [Anm. 2023] nach Österreich gekommen und habe Anfang September meine Lehre begonnen.

Stefanie: Wie war es in der Berufsschule?

Gerardo: Es war schwierig, vor allem wegen der Sprache. Im ersten Jahr hatte ich einen Notendurchschnitt von 1,8, im zweiten einen Durchschnitt von 1,6 und ich musste keine Prüfungen wiederholen. Es ist ganz gut gelaufen für mich. Mal schauen, wie das dritte Lehrjahr verlaufen wird. Ich bin dann nicht mehr mit den anderen Lehrlingen zusammen, weil sie eine Lehre in Zerspanungstechnik machen. Ich glaube, ich werde mehr lernen müssen, aber ich werde es schaffen! Ich bin extrovertiert, aber manchmal ist es mir unangenehm zu fragen. Mein großer Nachteil ist, dass ich kein Englisch spreche.

Stefanie: In der Berufsschule hattest du auch Englischunterricht, oder?

Gerardo: Ja. Englisch ist das Fach, das mir am meisten Schwierigkeiten bereitet, ebenso „Deutsch und Kommunikation“ wegen der Grammatik. Ich tu mir mit den Artikeln und Fällen schwer, aber ich fühle mich beim Sprechen sicher und spreche sogar schon ein bisschen Steirisch. Wenn ich etwas nicht verstehe, liegt es meist an Themen, mit denen ich mich noch nicht beschäftigt habe. Es ist die erste Fremdsprache, die ich lerne, und ich habe das Gefühl, dass das Teil des Prozesses ist.

Stefanie: Da du nun schon seit fast zwei Jahren hier lebst, möchte ich dir ein paar Fragen zu Österreich stellen. Was ist dein Lieblingsgericht hier in Österreich?

Gerardo: Ehrlich gesagt habe ich mich noch nicht durch die österreichische Küche gegessen, weil ich selten auswärts esse. Aber Gulasch schmeckt mir sehr gut. Ich koche so gut wie immer selbst und wenn mir etwas schmeckt, esse ich es so lange, bis ich es nicht mehr sehen kann. (lacht)

Stefanie: Welche drei Dinge gefallen dir an Österreich am besten?

Gerardo: Die Stabilität und die Ruhe. Es ist sehr schön hier und sehr ruhig. Ich würde sagen, dass das zum Teil auch an den Menschen liegt. Manchmal ist das für mich etwas schwierig.

Stefanie: Was meinst du genau?

Gerardo: Eine andere Kultur zu verstehen ist manchmal schwierig. Ich meine hier nicht die Sprache. Man versteht Gesten, Reaktionen oder Witze nicht sofort, und auch meine Witze finden nicht alle witzig. Es sind die kleinen Details. Aber wenn man an einen neuen Ort kommt, muss man sich anpassen und verstehen, wie die Menschen ticken. Das habe ich schon gelernt, als ich nach Spanien gezogen bin. Ich war noch klein, aber schon klug genug, um zu wissen, dass man sich anpassen muss, wenn man an einen neuen Ort kommt. Die Leute hier brauchen länger, bis sie warm werden und es ist nicht so leicht neue Freunde kennenzulernen. Hier nur ein kurzes Beispiel: In Österreich begrüßt man sich mit Handschlag. Du gibst hier wirklich jedem die Hand. Mädchen, Jungs, älteren Leuten, Freunden, Kollegen. In Spanien und Venezuela ist das total anders. Und das blockiert dich irgendwie am Anfang, weil dieser körperliche Kontakt fehlt. Dann denkst du dir: Wie soll ich mit der Person nur ins Gespräch kommen? Weißt du, was ich meine? Es ist einfach ein Unterschied, ob du jemandem die Hand gibst oder Bussi rechts, Bussi links. In Spanien ist viel mehr Nähe da. Du lernst jemanden kennen, gibst zwei Küsschen und fühlst dich gleich wohler beim Losquatschen. Aber ich verstehe langsam, wie es läuft – es ist alles ein Prozess.

Stefanie: Wie sicher fühlst du dich denn inzwischen mit dem Deutschen?

Gerardo: In einer neuen Sprache macht man Fehler ohne Ende und man darf sich dafür nicht schämen. Peinliche Situationen gehören einfach dazu. Besonders die Zahlen haben mich am Anfang verwirrt, aber mittlerweile geht es besser. Die ersten Jahre sind Lernjahre, besonders die ersten sechs Monate. Danach darf man aber nicht aufhören zu üben. Je mehr man spricht, desto schneller lernt man. Eine Sprache verlangt Eigeninitiative. Mit nur 5 Stunden am Tag für 4 Monate – das reicht nicht für B1. Man braucht viel Schlaf, das ist super wichtig. Der Kopf muss sich regenerieren. Meine schlechten Tage waren immer die, an denen ich schlecht geschlafen hatte. Beim Sprechen musst du zuhören, verstehen, formulieren – alles gleichzeitig. Wenn du müde bist, ist es schwer. Ich hab oft übersetzt, Zusammenfassungen gemacht, wieder zurück übersetzt, versucht, einfache Wörter zu nutzen, damit ich’s mir merken kann. Das dauert. Deshalb muss man sich am Anfang wirklich reinhängen.

Stefanie: Wie waren denn die ersten Monate für dich hier in Österreich?

Gerardo: Echt hart. Ich war der erste ausländische Lehrling. Später kam jemand nach, aber bei ihm hat’s nicht geklappt und er ist wieder zurückgegangen.

Stefanie: Welche Ausbildung machst du?

Gerardo: Maschinenbau. Ich bin der Einzige in meinem Jahrgang und momentan auch der einzige Ausländer.

Stefanie: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Gerardo: Wir arbeiten in mehreren Schichten, die Lernwerkstatt ist vormittags. Wenn wir in eine andere Schicht reinschnuppern wollen, ist das möglich. Ich habe großes Glück: Die Firma hat mir eine Wohnung direkt gegenüber organisiert und zahlt sogar die Miete. Da mein Weg in die Arbeit sehr kurz ist, stehe ich ziemlich spät auf. Arbeitsbeginn ist um 06.00 Uhr. Montags starten wir mit einer kurzen Besprechung, danach arbeiten wir in der Lernwerkstatt und drehen sowie fräsen Teile. Ich arbeite nicht an den CNC-Geräten, sondern nur an halbautomatischen Maschinen. Die klassischen Maschinen benutzen nur wir im Maschinenbau. Wenn etwas kaputtgeht, muss ich oft selbst nach einer Lösung suchen – dabei habe ich extrem viel gelernt. Mein Chef unterstützt uns sehr in allen Belangen. Feierabend haben wir um 14.00 Uhr. Um 13.00 Uhr beginnen wir mit dem Aufräumen. Freitags machen wir schon ab 12.00 Uhr sauber, dafür aber gründlicher. Wenn ich nachhause komme, koche ich mir etwas zu essen und gehe oft ins Fitnessstudio. Im Sommer etwas später wegen der Hitze. Viele Leute denken, dass es in Österreich immer kalt ist, aber im Sommer ist es hier echt… puh. Ich liebe den Winter. Den Sommer mag ich gar nicht. Es ist viel zu heiß und überall gibt es Insekten.

Stefanie: Was magst du an deinem Job am meisten und was findest du herausfordernd?

Gerardo: Am meisten liebe ich, dass man respektiert und wertgeschätzt wird. Wenn ich krank bin oder mich schlecht fühle, sagt mein Chef: „Bleib lieber zuhause und ruh dich aus.“ In Spanien arbeitet man, auch wenn man krank ist. Dort bist du austauschbar. Hier nicht. Hier wird man gesehen. Wir bekommen auch kleine Aufmerksamkeiten und können an Ausflügen zu anderen Firmen teilnehmen. Die Firma kümmert sich wirklich um uns. Am Wochenende frei zu haben – das gab’s in Spanien nicht so oft.

Stefanie: Und das Leben hier in Österreich – ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?

Gerardo: Nein, nicht ganz. Man kommt mit hohen Erwartungen. Es gibt Menschen, die glauben – und dazu habe auch ich gehört -, dass man tausend Sachen auf einmal machen kann. Und das geht nicht. Alles ist ein Prozess und dieser fängt beim Deutsch an. Das eine ist es die Sprache zu lernen, das andere sie täglich sprechen zu müssen. Dazu gehört auch der steirische Dialekt – seien wir uns ehrlich, es ist eine andere Sprache! Wenn man zu hohe Erwartungen hat, hat man das Gefühl, diese nicht erfüllt zu haben und das schlägt einem aufs Gemüt.

Stefanie: Und was hast du gemacht, um den Mut nicht zu verlieren?

Gerardo: Ich bin seit klein auf ein Kämpfer. Statt feiern zu gehen habe ich viel gelernt. Vor einem Jahr habe ich mit Sport angefangen und das hat alles verändert – auch mental. Sport ist mein Ausgleich.

Stefanie: Was war für dich neu oder ungewohnt?

Gerardo: Der öffentliche Verkehr. Neu war für mich, dass man einfach hinten in die Bim [Anm. Straßenbahn] oder den Zug einsteigen kann. In Spanien musst du überall dein Ticket vorzeigen. Hier vertraut man darauf, dass die Menschen ein gültiges Ticket haben. Das fand und finde ich noch immer sehr seltsam.

Stefanie: Wie hast du dich auf die Ausbildung vorbereitet?

Gerardo: Eigentlich hätte ich eine Lehre in Mechatronik machen sollen, aber das hat nicht geklappt und so wurde ein anderes Unternehmen für mich gesucht. Zur Vorbereitung hatten wir vier Monate lang intensiven Deutschunterricht. Fünf Stunden pro Tag, von Montag bis Freitag. Das war hart. Nach dem Unterricht habe ich weitergelernt, entweder alleine oder mit jemandem aus der Gruppe. Und danach bin ich arbeiten gegangen. Auch wenn man im Kurs viel lernt, ohne eigenes Engagement geht es nicht. Ich bevorzuge intensives Lernen, denn Sprache ist Übung. Viel Übung. 

Stefanie: Spricht man in der Firma mit dir im Dialekt oder Hochdeutsch?

Gerardo: Dialekt. Mit den älteren Leuten war es am schwierigsten. Ein Kollege hat für mich „gedolmetscht“, mir Sachen mit einfacherem Wortschatz erklärt. Hochdeutsch spricht hier fast niemand richtig. Die sprechen ein paar Worte, verfallen dann aber wieder in den Dialekt. Heute verstehe ich Steirisch zu etwa 70 %, auch wenn es schwierig wird, wenn sehr schnell gesprochen wird.

Stefanie: Welche beruflichen und persönlichen Ziele hast du?

Gerardo: Ich habe zwei Ziele: Mein Deutsch so gut wie möglich zu verbessern und die Lehrabschlussprüfung zu bestehen – am liebsten mit Auszeichnung. Ich glaube es ist schwer eine Auszeichnung zu bekommen, aber ich will’s versuchen – die Auszeichnung wäre ein Traum. Und ich möchte nicht der einzige ohne eine Auszeichnung sein. Danach möchte ich bleiben, mich weiterbilden und mir hier ein gutes, ruhiges Leben aufbauen. Mein Traum ist es einmal ein Grundstück zu kaufen und ein eigenes Haus zu bauen.

Stefanie: Was würdest du jemandem sagen, der auch überlegt, nach Österreich zu kommen?

Gerardo: Man muss sich mental vorbereiten. Sich fragen: Brauch ich wirklich einen Neuanfang? Will ich den? Die ersten Monate sind für alle die schwersten. Man darf sich nicht demotivieren lassen. Genau daran scheitern die meisten. Und man darf die Erwartungen nicht zu hoch setzen. Man schafft nicht alles auf einmal. Alles hat seine Zeit. Das Leben hier ist besser – finde ich – aber es ist trotzdem ein harter Weg. Und man darf nicht denken: „Ich mache hier meine Lehre und geh danach wieder.“ So läuft’s nicht. Du musst dir bewusst sein, dass du dir hier Leben aufbaust, Beziehungen, Sprache – das gehört dazu. Und man ist nicht allein. Magdalena [Anm. Projektmanagerin von Talent&Care] schreibt mir manchmal und fragt, wie es mir geht und ob ich etwas brauche. Sie ist für mich da.

Stefanie: Zum Schluss hab ich noch ein paar schnelle Fragen: Berg oder Meer?

Gerardo: Die Berge – ich kann nämlich nicht schwimmen.

Stefanie: Skifahren oder Schwimmen?

Gerardo: Ich kann weder Ski fahren, noch schwimmen, aber Ski fahren würde ich sehr gerne mal ausprobieren. Ihr habt es ja im Blut.

Stefanie: Leberkäse oder Paella?

Gerardo: Das ist schwer! Ich sag Paella. Leberkäse ist richtig lecker, aber Paella ist irgendwie gesünder.

Stefanie: Siesta oder Kaffee und Kuchen?

Gerardo: Kaffee und irgendwas dazu.

Stefanie: Tinto de verano oder Radler?

Gerardo: Radler.

Stefanie: Wien oder Madrid?

Gerardo: In Madrid war ich einmal, in Wien dreimal. Also: Wien.

Stefanie: Danke dir für deine Zeit.

Gerardo: Sehr gerne.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Der Zeitraum für die reCAPTCHA-Überprüfung ist abgelaufen. Bitte laden Sie die Seite neu.


This site is protected by reCAPTCHA and the Google
Privacy Policy and Terms of Service apply.
Nach oben scrollen